Informatik überwindet Grenzen

Rede von Prof. Dr. Gerhard Barth
Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) e.V.
anläßlich der 29. Jahrestagung der GI

 Information als Sauerstoff der Gesellschaft

War das Internet vor wenigen Jahren noch ein Medium, über das sich Studenten und Hochschullehrer wissenschaftliche Texte zusandten oder über Probleme diskutierten, hat es sich heute zu einem komplexen sozialen Raum entwickelt. In ihm entfaltet sich eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamik. Ökonomische Grenzen verschieben sich, kulturelle Grenzen werden abgebaut, Rechtssysteme werden harmonisiert: Die Industriegesellschaft wandelt sich zur Informationsgesellschaft.
Versucht man diese dynamischen Prozesse genau und präzise zu beschreiben, gelangt man schnell an Grenzen: Die Entwicklung geht so schnell vonstatten, dass selbst die neueste Studie nur eine punktuelle Zustandsbeschreibung der Vergangenheit ist. Die Gegenwart entzieht sich dem Zugriff aller Beschreibungen. Uns bleibt der erwartungsvolle Blick auf die Zukunft, der sich in den eindrucksvollen Wachstumsraten im elektronischen Geschäftsverkehr niederschlägt, die regelmäßig von Marktforschungsinstituten veröffentlicht werden. Meist liegen den Berechnungsdimensionen jedoch nur kleine absolute Basiszahlen zu Grunde, wie die Electronic-Commerce-Enquête 1997/98 unter der Leitung des Instituts für Informatik und Gesellschaft an der Universität Freiburg feststellte. Sie befand, dass die allgemeinen optimistischen Bewertungen in einem krassen Gegensatz zu Aussagen aus Ex-Post-Analysen zu harten ökonomischen Variablen wie etwa Umsatz- oder Gewinnsteigerung, Kostensenkung und Erhöhung von Marktanteilen stünden.
In der Realität bewahrheiten sich die euphorischen Voraussagen oft nicht. Noch heute schreiben deutschsprachige Online-Publikationen durchweg rote Zahlen. Manche Unternehmen werden von infrastrukturellen Problemen in Sachen Sicherheit und Zahlung sowie einer unerwartet hohen Zurückhaltung von Seiten der Konsumenten sogar von einem Engagement zurückhalten. Dennoch gehen Detlev Schoder und Günter Müller von der Electronic-Commerce-Enquête davon aus, dass der elektronische Geschäftsverkehr vor allem in den Bereichen große Bedeutung erlangen wird, in denen Informationen eine geradezu ausschließliche Rolle spielen.
Gute Perspektiven gibt es also im Finanzdienstleistungsbereich, bei den Medien und im Tourismus. Können Geschäftsabläufe rationalisiert werden, können traditionelle Vertriebsstrukturen durch neue Vertriebskonzepte im Internet ersetzt werden, rechnen die Unternehmen mit hohen Einsparungen. Wenn Zwischenhandelsstufen umgangen werden können und durch unmittelbare Online-Anwendungen ersetzt werden, können laut OECD

 

  • bei Versicherungen Einsparungspotentiale von etwa 50 Prozent,
  • bei Bankdienstleistungen bis zu 89 Prozent,
  • bei Flugtickets 87 Prozent,
  • beim Zahlungsverkehr zwischen 67 und 71 Prozent und
  • beim Softwarevertrieb gar bis zu 99 Prozent erzielt werden.

Zu den großen Hürden für den wirtschaftlichen Erfolg von Electronic-Commerce zählen heute die mangelnde Sicherheit sowie organisatorische und rechtliche Belange. Die Unternehmen bemängeln, dass keine sichere Zahlung über das WorldWideWeb möglich sei, dass Online-Transaktionen wenig Beweiskraft haben, dass vertrauliche Kommunikation nicht sichergestellt ist, und dass wichtige rechtliche Aspekte im Zusammenhang mit Haftung und Urheberrecht ungeklärt sind.

Schutz von Gütern im Internet

Tatsächlich ist der Schutz von Gütern im Internet äußerst wichtig. Schon jetzt können Texte, Bilder und Töne weltweit verteilt und verkauft werden. Der Verkauf funktioniert aber nur dann, wenn sie vor unautorisiertem Zugriff geschützt sind. Zur Zeit versucht man sowohl den rechtlichen als auch den technischen Schutz der immateriellen Güter zu verbessern. Bereits in diesem Monat (Oktober 1999) soll die "Richtlinie zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft" das Europäische Parlament passieren. Die Musik- und Softwareindustrie konnte darin durchsetzen, dass die bestehenden Regelungen verschärft und gleichzeitig die Ausnahmeregeln für den Privatgebrauch beispielsweise beschnitten werden.
Die Rechteinhaber werden künftig eine angemessene Vergütung für Kopien erhalten, die für privaten Gebrauch, für Veranschaulichung im Unterricht und für Zwecke der wissenschaftlichen Forschungen hergestellt werden. Wie diese Vergütung aussehen soll, wird von den Mitgliedsstaaten im einzelnen festgelegt werden. Wenn sich bei digitalen Verfahren eine unbegrenzte Zahl von Kopien ohne Qualitätsverlust herstellen läßt, sollen die Rechteinhaber die private Vervielfältigung sogar mit "geeigneten technischen Mitteln kontrollieren können", um ihre Interessen zu wahren.
Meiner Ansicht nach geht diese Regelung bereits zu weit. Sie ist einseitig auf die momentanen Bedürfnisse der Medienindustrie zugeschnitten, trägt jedoch den Bedürfnissen der Wissensgesellschaft unzureichend Rechnung. Wer einen Artikel oder ein Bild aus dem Internet kopiert und ohne Erlaubnis des Urheberrechte-Inhabers an einen Freund oder Kollegen verschickt, begeht damit bereits ein Eigentumsdelikt. Als Glück kann man es bezeichnen, dass zumindest die Speicherung von Internet-Inhalten in Cache-Speichern erlaubt ist. Die Industrie hatte nämlich sogar gefordert, dass diese Kopien, die als Teil eines technischen Verfahrens gelten, verboten werden sollen. Mit der Begründung, dass das den Betrieb des Internets zu stark behindert hätte, konnte die EU-Kommission in letzter Minute eine derartige Regelung verhindern.
Grundsätzlich wird die Vervielfältigung von urheberrechtlich geschützten Daten nur schwer zu kontrollieren sein. Die Musikindustrie arbeitet schon länger an technischen Schutzstandards für digitale Musik. Je beliebter der Komprimierungsstandard MP3 wird, desto mehr sinken die Umsatzzahlen. Die Bertelsmanntochter BMG Entertainment International meldete für das im Juli abgeschlossene Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang um 5 Prozent auf 901 Millionen Mark. Der gesamte deutsche Tonträgermarkt brach im ersten Halbjahr 99 sogar um 10 Prozent ein. Allein in Deutschland mahnte der Bundesverband bereits die Betreiber von 200 Servern ab, auf denen illegal kopierte MP3-Dateien lagerten. Die meisten Anbieter nahmen ihr Angebot auch schnell vom Netz.
Alleine eine rechtlich soziale Kontrolle genügt der Musikindustrie jedoch nicht. Sie wird bei ihren Anstrengungen, die Urheberrechte zu kontrollieren, jetzt von der Frauenhofer-Gesellschaft unterstützt. Im Rahmen der "Secure Digital Music Initiative" SDMI versucht sie einen neuen urheberrechtssicheren Standard zu kreieren. Im Juli verabschiedete SDMI bereits die ersten Prinzipien für die Sicherung von Musikinhalten auf tragbaren Abspielgeräten. Ein Anforderungssatz von kryptographischen Lösungen wurde spezifiziert. Die Nutzer sollen damit automatisch die Tools benutzen, die nur lizensierte oder mit digitalen Wasserzeichen versehene Software akzeptieren. Zusätzlich sollen Filtersysteme und Kontrollprogramme illegale Dateien im Internet auffinden. Sämtliche über Netzknoten verlaufende Daten sollen gescannt und auf bestimmte Formate hin geprüft werden. MP3-Dateien sollen herausgefiltert und deren Wasserzeichen überprüft werden.

Geistiges Eigentum unbeschränkt verbreiten?

Diese lückenlose Kontrolle zum Zwecke der Kommerzialisierung steht der Idee, dass geistiges Eigentum unbeschränkt verbreitet werden kann, direkt entgegen. Noch vor wenigen Jahren hatten Netzpioniere das Copyright als überkommenes Konzept bezeichnet. Es behindere den freien Austausch von Ideen und damit die Entstehung der Wissensgesellschaft. Tatsächlich ist fraglich, ob durch den Verkauf einzelner Kopien große Einkünfte erzielt werden können. Denn allein die Transaktionskosten für Inhalte werden einen großen Teil der Einkünfte aus der Nutzung der Inhalte wieder aufzehren. <Dyson ist nur ein Beispiel für Gegenentwürfe> Die Netzpionierin Esther Dyson ist davon überzeugt, dass Firmen, die Inhalte im Internet anbieten wollen, sich künftig etwas anderes als den Kauf von Kopien einfallen lassen müssen, wenn sie mit geistigen Waren Geld verdienen wollen.
Anstatt jedoch neue, unkonventionelle Businessmodelle zu entwickeln, versucht die Industrie eher auf der Ebene internationaler Gremien wie der World Intellectual Property Organization (WIPO) die Autorenrechte in digitalen Medien zu stärken. Entsprechende WIPO-Richtlinien sehen zur Zeit vor, dass allein das Umgehen von kryptographischen Maßnahmen und Techniken, die Urheber zur Wahrnehmung und zum Schutz ihrer Verfügungsrechte in ihre Werke eingebaut haben, illegal ist. Außerdem haben Urheberrechts-Besitzer das alleinige Veröffentlichungs- und Verfügungsrecht für ihre Werke.
Die Zeit für eine Kursänderung ist denkbar knapp. Bereits im nächsten Jahr wird es vermutlich einen einheitlichen rechtlichen Standard in Europa und den USA geben. In den USA wurden die WIPO-Richtlinien bereits im Oktober 1998 im Rahmen des "Digital Millenium Copyright Act" umgesetzt. Die Internetgesellschaft steht hier vor einem Scheideweg: Soll die freie Distribution von geistigem Eigentum die Entwicklung der Wissensgesellschaft beflügeln? Oder soll es durch kryptographische Verfahren gesichert nur noch einer zahlenden Wissenselite verfügbar sein? Ich hoffe, dass sich ein erfolgreiches Prinzip des Internets auch künftig durchsetzen wird: Die Geschenk-Ökonomie. Erfolg hat der, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und das hat mit kostenlosen Angeboten bisher immer noch am besten funktioniert.

Offenheit und Transparenz bei den kryptographischen Verfahren

Bei den kryptographischen Verfahren selbst spielt Offenheit und Transparenz eine wesentliche Rolle. Liegt der Quelltext von Kryptosoftware offen, kann er jederzeit gründlich überprüft werden. Wird ein kryptographisches System harten Tests unterworfen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass möglichst viele Fehler entdeckt werden. Je besser also das Review ist, desto besser ist auch die durch das Programm erreichte Sicherheit. Erst vor wenigen Wochen wurde die erste Version des "GNU Privacy Guard", die maßgeblich vom deutschen Entwickler Werner Koch entwickelt wurde, veröffentlicht. Basierend auf dem offenen Standard OpenPGP ist er die Open-Source-Variante der allgemein benutzten Verschlüsselungssoftware PGP. Sie kann unabhängig von Firmenpolitik, aber auch unabhängig von politischen Entscheidungen, weiterentwickelt werden. Für die Nutzer in aller Welt heißt das, dass sie auf lange Sicht auf eine sichere Verschlüsselungssoftware zurückgreifen können - dank Open Source.
In den letzten Jahren hat sich die Kryptographie von einer fast rein militärischen Disziplin zu einer Wissenschaft entwickelt, die für die Informationsgesellschaft äußerst wichtig ist. Auch die Sicherheitskonzepte haben sich damit verändert. Galt früher das Prinzip "Security by Obscurity" gilt heute unter den Bedingungen des schnellen und unbegrenzten Informationsaustausch das Prinzip "Security by Transparency". Die GI wird sich dafür einsetzen, dass Transparenz und Offenheit in der Wissensgesellschaft sowohl auf technischer als auch auf gesellschaftlicher Basis weiterhin gewährleistet werden. Ohne den freien Austausch von Informationen - seien es technisch, gesellschaftlich oder kulturell relevante Informationen -, wird die Gesellschaft nicht zukunftsfähig sein. Information ist Sauerstoff für die Gesellschaft.

 

 

Gesellschaft für Informatik e.V.

Ahrstr. 45

53175 Bonn

Tel 0228/302-145 (Geschäftsstelle)

Fax 0228/302-167

 

Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gerne unter Kontakt zur Verfügung.

 

Sie möchten die Pressemitteilungen der Gesellschaft für Informatik immer aktuell per E-Mail erhalten?

Dann tragen Sie sich in den GI-Presseverteiler ein:

Mail

Bitte geben Sie Ihren Namen und Redaktion an.

Nach oben